Wer es sagt, der ist es selber!

Sommer in Berlin. Ich sitze in der Tram, im Vierer neben mir eine Mutter mit Sohn und Tochter, die etwa 14 Jahre alt ist. Die Tochter spricht ins Handy. Die Mutter nimmt ihr das Handy aus der Hand und telefoniert laut. Ich reime mir zusammen, dass sie sich mit Bekannten treffen wollen und die Tochter Zeit und Treffpunkt ausmachen sollte.
Die Mutter sagt ins Handy: „Dann hat meine Tochter dir nicht zugehört.“
Ich denke mir: Woher weiß sie das?
Die Mutter vereinbart Zeit und Ort, beendet das Gespräch und beginnt, ihrer Tochter Vorwürfe zu machen:
„Kannst du eigentlich nicht telefonieren? Du musst zuhören!“
Die Tochter: „Ich habe zugehört, ihn aber nicht verstanden.“
Die Mutter: „Dann musst du (hier weiß ich nicht mehr, was genau sie sagte) x machen, y sagen, z tun. Also echt, wie kann man nur so unfähig sein.“

Es ging dann noch ein bisschen weiter. Die Mutter hackte laut auf ihrer Tochter herum, die Tochter blieb erstaunlich ruhig und erklärte, warum sie sich wie verhalten hatte.

Die Vorwürfe der Mutter zu hören, fühlte sich für mich sehr unangenehm an. Ich hatte den Impuls, die Mutter ebenso laut zurechtzuweisen, dass sie in der Öffentlichkeit auf diese Weise mit ihrem Kind spricht. Doch ich ließ es bleiben, denn ich erkannte:

Affe hält Spiegel in der Hand, in dem er zu sehen ist
Quelle: Pixabay

Wenn ich die Mutter in der Öffentlichkeit zurechtweise, verhalte ich mich genau so wie sie: Ich würde einen Menschen, von dem ich denke, dass er etwas falsch gemacht hat, von oben herab vor allen Leuten beschämen.
Mir kam ein Satz aus Kindertagen in den Sinn. Wenn uns jemand beleidigte, riefen wir: „Wer es sagt, der ist es selber!“

Also fragte ich mich: Wo bin ich ähnlich?

Auch ich habe mein Kind schon in der Öffentlichkeit zurechtgewiesen. Das ist nicht ungewöhnlich in unserer Kultur. Es passiert sowohl innerhalb von privaten Beziehungen als auch auf kollektiver Ebene. Siehe die Sozialen Medien. Man registriert einen vermeintlichen Fehler, ehebt sich, empört sich und gibt dem entsprechenden Gegenüber gehöhrig eins auf den Deckel. Und das nicht unbedingt unter vier Augen.

Also habe ich im Stillen ein Ho’oponopono gemacht.

Liebe*r (hier Name einsetzen) und alle Menschen, die ich in der Vergangenheit vor den Augen anderer beschuldigt und beschämt habe – es tut mir leid. Es tut mir leid, dass ich mich über euch erhoben habe, um mich selbst besser zu fühlen. Bitte verzeiht mir das. In Wahrheit sind wir alle gleich viel wert und jeder Mensch ist liebenswert so, wie er ist. Danke, dass ich durch dieses Ereignis die Gelegenheit erhalten habe, dieses negative Denk- und Verhaltensmuster in mir zu bereinigen. Danke für die Heilung, die jetzt geschehen kann.

Als ich ausstieg, unterhielten sich Mutter und Tochter längst wieder normal. Ich habe noch einen Blick auf die Mutter geworfen und auf den Anteil in mir, der ihr ähnlich ist.
Das nächste Mal, wenn ich den Impuls habe, mein Kind in der Öffentlichkeit zurechtzuweisen, werde ich an diese Tramfahrt denken.

Weitere Ho’oponoponos zu dem Thema:

  • Der eigenen Mutter/Vater oder anderen Menschen vergeben, die einen in der Öffentlichkeit beschämt haben.
  • Sich selbst vergeben, dass man sich innerlich beschämt, wenn man einen Fehler gemacht hat. Sich selbst vergeben, dass man schon mal andere beschämt hat (man also nicht perfekt ist).

PS:
Es geht in diesem Beispiel nicht um Situationen, in denen Hilfe angebracht ist. Wenn ich beobachtet hätte, dass die Tochter sichtbar leidet oder die Mutter gar nicht mehr aufhört, dann hätte ich etwas gesagt. Jedoch auch dann hätte ich dem Impuls nicht folgen dürfen, die Mutter laut und verurteilend auf ihr Fehlverhalten hinzuweisen. Es gibt viele respektvolle Wege, auf das Verhalten von Menschen zu reagieren.

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